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#incommunicado Leseprobe

01 Feb

Die Informatisierung ändert unsere Gesellschaft von Grunde auf, sie zerstört die derzeitigen Machtstrukturen und wird neue schaffen. Ähnlich wie Grundbesitz vor einigen Jahrhunderten an Bedeutung verlor, verlieren Kapital und industrielle Güter­produktion nun ihre Bedeutung. Wir erleben gerade live den Aufstieg einer neuen Schlüsselressource: Information.

„Geistiges Eigentum ist das Öl des 21 Jahrhunderts“, hat Mark Getty, ein Erbe des Öl-Imperiums, vor einigen Jahren gesagt. Statt eines Industriekonzerns gründete er eine der weltgrößten Fotoagenturen und handelt nun mit Bildern, also mit visueller Information.

Bis vor kurzem war das Gewerbe der Bildagenturen eng an physische Prozesse gebunden: Fotos mussten entwickelt werden, dann kopiert, dann in Ablagesystemen eingeordnet und schließlich bei Anfragen wieder herausgesucht und per Post oder Botendienst an die Redaktionen und Werbeagenturen geschickt werden. Dort lagen sie dann einige Zeit herum und wurden schließlich wieder zurückgesandt.

Heute werden Bilder digital angeboten. Die Kunden bekommen einen Zugangscode zur Datenbank, stöbern online im Archiv und laden runter, was gefällt. Der Vorteil dabei: Digitale Information lässt sich praktisch ohne Kosten und Qualitätsverlust vervielfachen. Der Nachteil: Digitale Infor­mation lässt sich praktisch ohne Kosten und Qualitätsverlust vervielfachen. Jede Kopie ist ein Original ist eine Kopie.

Das ist kein kleiner, gradueller Unterschied, sondern ein grundlegend anderer Prozess als in der industriellen Produktion. Man sieht es schon daran, dass die Kunden digitale Bilder nicht mehr nach einer gewissen Frist an die Agenturen zurück­schicken müssen. Alleine die Vorstellung, ein File in eine Mail zu stecken und an die Agentur zurückzuschicken, ist lächerlich. Und selbst wenn die Kunden es täten – das Bild bliebe immer noch auf ihrer Festplatte zurück. In der Mail wäre nur ein weiteres File, eine neuerliche Kopie, ein weiteres Original.

Die Industriegesellschaft kannte „Produkte“ mit einer solchen Eigenschaft bisher nicht und hat daher auch kaum Mechanismen, damit umzugehen. Die Marktwirtschaft beruht ganz fundamental auf dem Spiel von Angebot und Nachfrage, doch digitale Information widersetzt sich diesem Mechanismus zunächst. Nachdem sie erst einmal geschaffen wurde, lässt sie sich praktisch ohne Aufwand und Kosten im Überfluss erzeugen. Das bedeutet, dass es immer ein Überangebot am Markt gibt. Jede Nachfrage kann auf Knopfdruck befriedigt werden. Auf diese Weise lässt sich kein Profit erzielen. Damit das Produkt „digitale Information“ in unser ökonomisches System passt, muss es künstlich verknappt werden. Nur wenn es knapp bleibt, kann geistiges Eigentum das Öl des 21 Jahr­hunderts sein.

Adam Smith hat in seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“ das Prinzip der Arbeitsteilung in der industriellen Produktion geschildert. Das war 1776, im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Smith zählte all die Schritte auf, die zur Herstellung einer Stecknadel notwendig sind; vom Ziehen des Drahtes bis zum Verpacken der Nadeln kommt er auf 18 Schritte. Aber einen hat er vergessen: den ersten. Das Design der Nadel, die kreative Arbeit, das Erstellen eines Prototypen. Selbst ein so simpler Gegenstand wie eine Stecknadel muss wenigstens ein Mal entworfen und gestaltet werden.

Den Unterschied sehen wir sofort: Das, was Adam Smith so unbedeutend erschien, dass er es nicht einmal erwähnte, macht bei digitaler Information 99,99 Prozent der Arbeit aus. Die Arbeitsschritte zum Vervielfältigen des Prototypen, auf deren Beschreibung Smith alle Mühe verwendete, sind plötzlich ein Klacks.

Warum ist das so wichtig? Weil die Schlüsselressource unserer Zeit plötzlich an Bedeutung verliert. Für industrielle Produktion braucht man viel Kapital, so wie man für land­wirtschaftliche Produktion viel Grund brauchte. Doch digitale Produktion funktioniert beinahe ohne Kapital, ihr Grundstoff, die wichtigste Ressource der Zukunft, ist eben Information. Geld regiert die Welt – aber wer sagt, dass das so bleibt?

Die meisten von uns verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um ein so einfaches Ding wie eine Stecknadel ein paar tausend Mal zu vervielfältigen. Aber wir können auf Knopfdruck ein Softwarepaket wie OpenOffice kopieren, das aus Millionen Zeilen Programmcode besteht. Oder eine über Jahre aufgebaute und sorgfältig gepflegte Kundendatenbank. Oder eine Opernaufnahme – nein, eine ganze Sammlung von Aufnahmen. (Nebenbei, der Begriff „Rarität“ wird aus dem Vokabular der Musikfreunde gestrichen werden.)

Dass Millionen Menschen all diese Möglichkeiten haben, wird nicht ohne gravierende Folgen für die politischen und wirtschaftlichen Strukturen bleiben. Das letzte Mal, als eine neue Schlüsselressource auftrat, hat das ein paar hundert Jahre Revolutionen und Kriege nach sich gezogen. Und in vielen Teilen der Welt ist noch nicht mal dieser Prozess abgeschlossen. Da kann ja einiges auf uns zukommen. Keine Ahnung was, aber irgendetwas wird passieren.

Irgendetwas muss passieren. Die Frage ist nur wann.

Erschienen auf http://reimon.net unter verlinkter Creative-Commons-Lizenz.

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Verfasst von - 1. Februar 2012 in Standard

 

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